Der Stadtwauz und der Landwauz

Seit ich Hundebesitzerin bin und mich im Internet und im realen Leben mit anderen Hundebesitzern auseinandersetze, wird vieles, das ich bislang für reine Geschmacks- oder Ermessenssache gehalten habe plötzlich zu einer Frage der Moral. Wenn man nicht aufpasst, ist man nach einer Äußerung über persönliche Vorlieben nicht mehr ein Mensch, der dieses oder jenes mag oder nicht mag, sondern entweder ein guter oder schlechter Hundehalter respektive ein guter oder schlechter Mensch.

Immer, wenn ich erzähle, dass wir mit unserem großen(!) Hund in der Stadt wohnen und wir nun auch in der Stadt unseren derzeit endgültigen Wohnsitz gefunden haben, bemerke ich den Heiligenschein über Hundebesitzern, die auf dem Land leben. Was zuvor noch als Lebensphase betrachtet und mit den Worten Irgendwann zieht man immer den Hunden zuliebe aufs Land quittiert wurde, ist nun traurige Gewissheit: Wir gönnen Rumo das Landleben nicht!

Ich möchte nicht auf dem Land leben, weil ich es genieße, mehrere Theater, Kinos und Kneipen zur Auswahl zu haben, weil ich unbeschreiblich ungern Auto fahre und weil ich es recht angenehm finde, die Nachbarn nicht mit Namen zu kennen. Ein Haus mit Garten will ich nicht unbedingt haben, weil ich ein offenbar tief verwurzeltes Gartenarbeitstrauma habe, das mich vom Unkrautjäten abhält.

Bevor ich Rumo hatte, dachte ich nun also, das seien meine persönlichen Vorlieben und nichts Schlimmes. Weit gefehlt! Denn wenn man einige Hundebesitzer (und auch viele Nicht-Hundehalter) so reden hört, könnte man meinen, dass jede dieser Entscheidungen Schritt für Schritt Rumos Glück auf Erden torpediert und wir aus Eigennutz einen weniger frohen Hund haben, als er sein könnte. Uff.

Los gehen die Probleme beim fehlenden Garten. Denn ein Hund braucht doch einen Garten! Schlimmer wird es dann bei der Größe der Wohnung, denn ein Hund braucht doch Platz! Richtig heikel wird es auch bei Etagenwohnungen, denn Welpen und alte Hunde können doch keine Treppen steigen!

Ohne sagen zu wollen, dass diese Aussagen völlig aus der Luft gegriffen seien, geht mir da einiges dann doch zu weit. Ich habe tatsächlich schon gelesen, dass Hundebesitzer der Meinung waren, dass Hunde in Städten weniger alt und schneller eingeschläfert werden, dass man dem Hund zuliebe nicht in den zweiten Stock ziehen dürfe und dass Landhundehalter ja im Gegensatz zu Stadthundehaltern vielmehr zu Abstrichen bereit seien, die zum vermeintlichen Wohl des Hundes beitragen.

Irgendwie ist das unfair. Ich bin nämlich der Meinung, dass die Entscheidung, aufs Land zu ziehen genauso aus persönlichen Vorlieben heraus resultiert, wie die, in der Stadt zu wohnen. Nur dass man als Hundehalter auf dem Land zusätzlich zur Erfüllung seines Wunsches noch einen Heiligenschein und moralische Überlegenheit gratis dazu bekommt.

Wir machen überwiegend Urlaub in ländlichen Gegenden und ich kann die Gründe, aus denen sich Leute ein Haus im Grünen wünschen vollkommen nachvollziehen. Man hat seine Ruhe, mehr Platz, hoffentlich schöne Landschaft und ein größeres eigenes Refugium, das man nach Herzenslust gestalten kann. Ich sehe in all dem und noch in einigem mehr durchaus einen Reiz. Aber ich weigere mich zu behaupten, dass Rumos Leben grundsätzlich anders oder sogar glücklicher wäre, wenn wir mit ihm aus der Stadt wegziehen würden.

Denn tatsächlich bekommt Rumo seinen Auslauf und seine Beschäftigung nicht in unserer Wohnung. Wenn mir zur Zeit Leute sagen, es sei ja wegen des Hundes besser, dass unsere neue Wohnung wenigstens größer sei als die alte, liegt mir jedes Mal auf der Zunge, dass es doch völlig egal für den Hund sei, wie groß der Raum um sein Körbchen ist. Ich kenne keinen Hundebesitzer, der seinem Hund IM Haus Bewegung verschafft und ihn auslastet. Natürlich erledigt man das draußen und es ist auch einfach angenehmer, dem Hund beizubringen, drinnen nicht herumzutoben, egal wie viel Platz da ist. Die Aufgaben des Schokofroschs sind zu Hause außerordentlich beschränkt: Dösen, Schlafen, Fressen, Trinken, Schnarchen, Kraulen lassen, im Weg herumliegen und das Ganze nochmal von vorn.

(Nicht) Nur für Pia: 12 Shades of Snoring.

Und so sieht das aus, obwohl Rumo ein sehr bewegungsfreudiger und nicht sonderlich gut erzogener Hund ist.

Die Sache mit dem Garten und mit den Treppen ist da schon ein bisschen was anderes. Das Stadtleben und das Landleben schaffen natürlich verschiedene Voraussetzungen für die Hundehaltung und wenn man ein entspanntes Leben mit Hund haben möchte, muss man ihm in der Stadt beibringen, dass es nicht schlimm ist, an einer Baustelle vorbeizugehen und auf dem Land, dass Pferde keine guten Spielkameraden sind. Auf dem Land muss man vielleicht im Notfall länger zur nächsten Tierklinik fahren, in der Stadt muss man im Zweifelsfall erfindungsreich sein, wenn es darum geht, 30 Kg Labrador eine Treppe hochzubekommen. Vielleicht entdecken einige Leute beim Gedanken daran ihre Vorliebe für Zwergchihuahuas.

Stadtwauz
Er war ein Welpe und er lebte in der großen Stadt.

Wenn wir auf dem Land Urlaub machen, finden wir einige Dinge im Alltag einfacher: Die kurze Pinkelrunde vor dem Schlafengehen geht schneller, weil man fast nur vor die Tür zu treten braucht. Spaziergänge sind manchmal etwas gelassener, weil die Wege einsamer sind und man weniger doofe Hundebesitzer trifft, wenn man weniger Hundebesitzer trifft. Wir finden das entspannend und machen uns um solche Dinge in der Stadt mehr Gedanken. Bei der Wohnungssuche mussten wir darauf achten, dass der Wald immer noch fußläufig erreichbar ist, dass es gerne einen Fahrstuhl geben sollte und dass es schnelle Gassimöglichkeiten gibt. Ich würde ganz sicher nicht in jede Stadtwohnung in jeder Lage mit Hund einziehen, aber die Suche nach den perfekten vier Wänden kann einfach überall und immer schwierig werden.

Gute oder schlechte Hundehalter kennzeichnen sich nicht durch ihre Geschmäcker. Man erkennt sie nicht daran, wo sie leben wollen, welche Rasse sie wählen oder ob sie dem Hund den vorschriftsmäßig zweisilbigen Namen mit wohlklingenden Vokalen geben.

Ob ich ein guter Hundehalter bin, weiß ich nicht immer. Ich weiß aber, dass ich keine Lust mehr auf willkürliche Kategorien habe, nach denen das beurteilt wird.

Landidyll
Auf dem Land findet man immerhin noch Töpfe voll Gold.

13 Kommentare zu „Der Stadtwauz und der Landwauz

  1. Amen! Ich sehe das genauso und mir sind auch schon Exemplare untergekommen, die mir gesagt haben man solltr in der Stadt keinen Hund halten. Und ein Garten ersetzt auch nicht spannende Spaziergänge und Beschäftigung mit dem Menschen. Das finde ich wichtiger. Aber manche denken, wenn sie ihren Hund im Garten parken reicht das schon zum glücklich sein 😶

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  2. Wir wohnen mit Hund am Land aber nicht wegen dem Hund. Ich bin mir sicher ein Hund in der Stadt mit dem viel unternommen wird, ist glücklicher als ein Hund am Land, der kaum aus dem Garten raus kommt. Wobei ich sagen muss, dass ein Garten schon praktisch ist, vor allem für den Hundehalter 😉 spät abends nicht mehr raus gehen zu müssen, sondern einfach nur die Tür öffnen. Und gerade jetzt mit dem Pflegehund kann ich die beiden einfach in den Garten raus schmeißen, wenn sie drinnen zu toben anfangen.
    Und zum Wohnen mit Hund im zweiten Stock, mein Großer geht die Treppe in den ersten Stock am Tag sicher öfter auf und ab als ein Hund der in einer Wohnung lebt. Also da bräuchte man dann schon ein Türschutzgitter.
    Liebe Grüße vom Lande 😉
    Julia und Odin

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    1. Hallo! Danke für Deinen Kommentar! 🙂 Wir genießen es auf jeden Fall auch, wenn wir Rumo im Urlaub einfach mal abends kurz in den Garten lassen können. Zumal man das in Jogginghose machen kann! 😉 Für die Treppen muss eh immer jeder seine Lösung finden, wenn der Hund mal alt oder krank wird und Hunde sind das ja auch unterschiedlich gut gewöhnt. Nur bei den Sprüchen, dass der Hund in der Stadt dann schneller eingeschläfert wird, bin ich ein bisschen vom Stuhl gefallen… 😉
      Viele liebe Grüße

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  3. Wahre Worte… Zita verdankt den Umstand in einem Haus mit kleinem Garten zu wohnen nicht ihrer Existenz, sondern der Tatsache, dass das Haus schon da war. Ohne Haus wäre sie wohl auch eingezogen. Der Garten ist Zita völlig schnuppe… ich finde ihn nur praktisch, weil ich sie dorthin schicken kann, wenns mal drängt und ich nicht raus kann/will. Dein Beitrag ist wieder ein tolles Beispiel dafür, weswegen mir ein Großteil anderer Hundehalter gestohlen bleiben kann.

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  4. Huhu 🙂 Wir wollen auch nicht unbedingt aufs Land ziehen, aber vorstellen kann ich es mir schon. Wir wohnen jetzt in der Stadt, aber direkt an einem großen Park und hinter uns wird es schnell ländlich. Aachen ist halt eine Stadt um die drumherum nicht viel ist. Am liebsten würde ich einfach gern nur Richtung Wald ziehen…so das ich morgens dahin 10min Fahrzeit hätte, aber Abends auch noch in die Stadt auf ein Bier gehen kann. Ist möglich, aber gerade werden da einfach keine Wohnungen frei xD

    Grüße Denise

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    1. Hallo Denise! Danke für Deinen Kommentar! Das gefällt uns auch so an Leipzig, quasi mitten in der Stadt gibt es richtig große Grünflächen und wir sind jetzt auch mit Rumo in zehn Minuten zu Fuß im Wald und können ihn sogar mal ins Wasser werfen. Das ist für mich der pure Luxus. Wünsch Euch viel Erfolg bei der Suche nach Eurem Traumdomizil. 🙂

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