Unmoralische Angebote

Es ist schon eine ganze Weile her, da saß ich mit Rumo im Zug und die Leute neben uns fanden ihn gut. Es wurde drüber geredet, wie hübsch und brav er doch sei, was er für eine schöne Farbe habe und wie lieb er gucke. Ist für mich natürlich völlig nachvollziehbar, ich will ja nicht so tun, als fände ich ihn nicht weltklassenspitze. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, war das, was danach kam.

Der wäre doch was für Elli! sprach eine Frau zu ihrem Sitznachbarn und ich lächelte noch, weil ich Naivchen davon ausging, dass ihre Schwester oder Freundin einen Hund anschaffen wolle oder Ähnliches. Stutzig wurde ich erst bei Die haben ungefähr die gleiche Größe.

Und da war es auch schon: Rumos erstes Deckangebot. Im Zug. Ohne sich vorgestellt zu haben. Ohne den Hund zu kennen, ohne ihn im Stehen gesehen zu haben. Denn: Hündin Elli soll mal Babies bekommen.

Die Geschichte ist so lange her, dass es gut sein kann, dass Elli dieser fremdbestimmte Wunsch inzwischen bereits ‚erfüllt‘ wurde. Wenn ich daran denke, werde ich sauer. Und weil ich schon eine Weile daran denke, gibt es nun einen Blogbeitrag über Verantwortung. Mit extra erhobenen Zeigefinger und allem, was dazugehört.

Verantwortung ist etwas, das von verschiedenen Tierhaltern verschieden virtuos hochgehalten, umbenannt, eingesetzt, weggeschoben und diskutiert wird. Fragt man einen Hundehalter, ob die Hundehaltung viel Verantwortung mit sich bringt, antworten die meisten (und viele nicht ohne einen etwas merkwürdigen Stolz): Ja, so ein Hund ist eine große Verantwortung. Man muss ihn füttern, ausführen und pflegen und was der nicht alles kostet.

Bei Gesprächen wie dem oben beschriebenen im Zug wird aber schnell klar, dass es eine zwar etwas diffuse, aber stark verteidigte Grenze gibt, an der praktischer Weise jegliche Verantwortung aufhört und die sogenannte Natur anfängt. Und in diesen Bereich kann je nach Bedarf alles fallen, was die unkontrollierte Vermehrung von Hunden angeht und in niedlichen und gut verkäuflichen Welpen resultiert.

Natürlich müssen Hunde doch auch mal zum Zuge kommen (anzüglich hochgezogene Augenbrauen).

Natürlich hat ein weibliches Wesen und somit auch jede Hündin irgendwo tief drinnen den unbewussten Wunsch nach einer Schwangerschaft (nach dem geplanten einzigen Wurf soll sie allerdings kastriert werden).

In der Natur dürfen Wölfe sich auch nach Instinkt vermehren (oder etwa nicht)?!

Verwehrt man seinem Rüden nun sein Naturrecht, jede angebotene Hündin zu begatten (und das vielleicht gleich hier und jetzt im Wald oder in Wagen 21), fallen schnell Worte wie einschränkend, unnatürlich, künstlich, überzüchtet, vermenschlicht und noch so einiges mehr.

Denn in jenen einzelnen Momenten, in denen sich Hundebesitzer niedliche Welpen wünschen, ist der Hund kein domestiziertes Kulturprodukt mehr, sondern ein wildes, natürliches und instinktgesteuertes Wesen, sozusagen frisch aus der Prärie gepflückt. Und da wäre es ja ein tierquälerisches Unding, den Bello an der Fortpflanzung zu hindern.

Ich halte diese Argumentation für heuchlerisch.

Denn selbstverständlich ist der Hund ein menschengeformtes Wesen, das vollständig und nicht nur teilweise in unserer Verantwortung liegt. Tausende von Jahren lang hat der Mensch den Haushund nach seinem Gusto geformt, gezüchtet, trainiert und gepflegt.

Rumo ist davon abhängig, dass ich ihn füttere, ihn liebhabe und ihm ein schönes Leben mit Sinn und Abwechslung gebe. Ich bestimme, wo er wohnt, wo er hingeht, was er frisst und wann er es frisst. Ich fühle mich dabei moralisch dazu verpflichtet, meine Verantwortung ihm gegenüber nach bestmöglichem Wissen und Gewissen zu erfüllen. Das hat für uns beide viele Vorteile und ich behaupte auch, dass nicht nur ich damit glücklich bin. Aber weil die Situation eben so ist, wie sie ist, kann ich auch nicht meine Verantwortung für ihn ausgerechnet da abschieben, wo es um die Entstehung weiterer kleiner Wesen geht, die wiederum vollständig in menschlicher Verantwortung liegen.

Genau das würde ich aber tun, wenn ich mich in einer Situation, in die ich ihn reingeführt habe, plötzlich auf einen automatisch guten natürlichen Verlauf verlassen würde, ohne mich über die beteiligten Hunde bestmöglich informiert zu haben.

Denn der Mensch ist fehlbar und die Hundezucht erst recht. Es gibt sowohl viele Hunde, die unter Krankheiten leiden, die direkt oder indirekt mit schlechter Zucht zu tun haben, als auch Hunde, die bereits auf der Welt sind und ein besseres Leben verdient haben. Die Überlegung, einen Tierschutzhund bei sich aufzunehmen, ist jedem ans Herz zu legen.

Tatsächlich bin ich aber nicht per se gegen Hundezucht. Ich finde es toll, wie viele verschiedene spezialisierte Hunderassen es gibt und bin begeistert von den Rasseeigenschaften der Labrador Retriever, die aus sorgfältiger Zucht hervorgegangen sind. Mit dem Schulterklopfen hört das Thema aber leider nicht auf, denn Gesundheit ist ein riesiges Thema in der Rassehundezucht und je genauer man schaut, desto mehr menschliches Versagen wird offenbar.

Und gerade deshalb kann es nicht die Lösung sein, die nächstbesten zwei Hunde aufeinander springen zu lassen und auf ein naturgegeben günstiges Ergebnis zu hoffen. Es reicht einfach nicht, sich zwei ach so hübsche und nette Hunde auszusuchen, die eventuell wahrscheinlich gesund sind, oder wenigstens nicht offensichtlich krank. (Oder Gott bewahre: Nicht hübsch!) Denn die Verantwortung, die der Mensch für Hunde hat, muss uns dazu zwingen, die mögliche Bandbreite an Wissen auszuschöpfen:

Was gibt es für erbliche Krankheiten?

Wie vererben sich diese? Kann ein Hund Träger einer Krankheit sein? Gibt es eine Familiendisposition?

Was gibt es für positive und negative Wesenseigenschaften des Hundes und wie vererben sich diese? Man tut keinem Hund einen Gefallen, wenn man zulässt, dass Welpen geworfen werden, bei denen es wahrscheinlich ist, dass sie von ungeeigneten und überforderten Welpenkäufern wieder abgegeben werden.

Welche Gründe sprechen tatsächlich für eine Hundeverpaarung? Wird ein sinnvoller und gesunder Beitrag zur Rasse geleistet oder wird nur das Ego der Besitzer gestreichelt?

Diese Fragen und viele mehr stellen sich schon allein, wenn es um das Leben der bei einer Verpaarung entstehenden Welpen geht. Aber auch um den Rüden und die Hündin muss man sich Gedanken machen.

Will man seiner Hündin wirklich die Strapazen einer Geburt zumuten, nur weil man selbst die Welpen süß findet?

Hat man wirklich so umfassendes Wissen über die Vorgänge und Risiken einer Hundegeburt, dass man der Hündin im Notfall helfen oder ihr sogar das Leben retten könnte?

Wie verläuft ein harmonischer Deckakt und was kann schieflaufen? Wie erkennt man eine Gefahr für Rüden oder Hündin? Wann ist der Deckakt reiner Stress für einen der Hunde oder sogar für beide?

Ich kenne nur eine Möglichkeit, all diese Punkte nach bestem Wissen und Gewissen vor einer Verpaarung zu klären: Die lückenlose Dokumentation über die Abstammung der Hunde, zu der auch die Gesundheitsergebnisse der Vorfahren und Verwandten gehören. Und ja, zumindest bei den Labrador Retrievern habe ich diese notwendigen Informationen in dieser Vollständigkeit und Nachvollziehbarkeit nur im LCD und DRC gefunden. Denn ein einzelnes Attest darüber, dass der Vater und die Mutter eines Wurfes offenbar gesund sind, reicht schlicht und einfach nicht aus.

Über Deckanfragen, die bei einer Zufallsbegegnung oder ohne jegliche nachprüfbare Informationen über das Internet erfolgen, muss man eigentlich gar nicht mehr reden.

Denn wie hätte die Geschichte nach so einer Anfrage im Zug weitergehen können? Was wäre, wenn ich zu dieser oder zu einer anderen Gelegenheit einfach mal zugestimmt hätte? Vielleicht würden dann jetzt irgendwo kleine Rumos herumlaufen, die ohne Frage niedlich wären. Aber es bestünde nicht nur die Möglichkeit, dass diese Hunde an Krankheiten leiden würden, sondern ich müsste auch zusätzlich mit dem Wissen leben, dass ich nicht mein Bestes getan hätte, das zu vermeiden.

Und wenn ich mir Rumo so anschaue, bekomme ich bei diesem Gedanken einen Kloß im Hals.

Eine hundertprozentige Garantie auf gesunde Welpen gibt es nie. Aber man darf es sich gerade deswegen auch nicht zu leicht machen und im denkbar ungünstigsten Moment die Verantwortung von sich schieben.

Was sind Eure Gedanken zu diesem Thema? Habt Ihr auch schonmal unmoralische Angebote bekommen?

9 Kommentare zu „Unmoralische Angebote

  1. Hallo,
    wieder mal sehr gut geschrieben und ich hoffe dein Text wird einige Leser zum Umdenken animieren, dass es nicht nur reicht sich zwei hübsche Elterntiere auszusuchen.
    Meine Paula hat auch schon diverse Angebote bekommen. Selbst wenn man sagt ja sie ist aber krank, würde es viele nicht abhalten ihren Rüden trotzdem mal ran zu lassen denn ein Welpe von den Beiden wär ja sooo toll.
    Wie gesagt gut geschrieben und freue mich auf euren nächsten Text 👍

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    1. Hey Yvonne!
      Danke! Wie schön, hier von Dir zu lesen!
      Dass es dann auch egal ist, wenn man von Krankheiten der Hunde schon weiß, macht mich recht sprachlos. Da wird doch jeder Spruch von wegen „Wir machen das aus Liebe zu unserem Hund“ vollends lächerlich.
      Und als Rüdenbesitzer ist man ja super fein raus, der Hund darf mal springen und die Besitzer von der Hündin haben die kranken Welpen zu Hause…
      Knuddel die Paula von mir!
      Viele liebe Grüße

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  2. Oh ja, auch Leif hat schon so ein unmoralisches Angebot bekommen. Meine Antwort war nur, ich gehe doch nicht los, kaufe einen Labrador und prüfe Züchter und Ahnentafeln auf Herz und Nieren und lasse dann meinen Hund einfach so mal eine Hündin decken. Das wäre ja wohl ziemlich dumm. Bewusst haben wir uns für einen Hund aus dem DRC entschieden. Eine Garantie habe ich nicht, dass er auch gesund bleibt, aber zumindest kann man es etwas eingrenzen. Wir freuen uns über unseren Labbi der so viele tolle Eigenschaften mitbringt, die er natürlich von seinen Vorfahren geerbt hat. Nachdem wir nun den Wesenstest, Röntgen und Formwert hinter uns haben, habe ich schon mal eine kleine Ahnung davon, was für eine Verantwortung hinter dem Thema Zucht steht. Das gilt für die Rüden und Hündinnen Besitzer genauso wie für die Wesens und Formwert Richter. Wir möchten doch alle, das diese Rasse weiterhin so viele Menschen begeistert und daher muss die Zucht mit einer großen Verantwortung weiter betrieben werden. Ich erinnere nur kurz daran, dass der Wesenstest nicht mehr nötig ist, um die Zuchtzulassung zu bekommen!

    Das eigene Ego, da musste ich kurz schmunzeln. Ich denke darüber nach, mit Leif die Zuchtzulassung zu beantragen, aber nicht wegen meines Egos, sondern weil ich so verliebt in den kleinen Kerl bin 😍. Das käme für mich aber nur in Frage, wenn auch alles passt.

    Vielen Dank, für deinen Beitrag ☺

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    1. Danke Ramona! 🙂
      Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die Vorstellung von kleinen Rumos nicht toll fände. 😉 Wir werden wohl eher nicht mehr so weit kommen. Aber Rumos Bruder Karl ist auf dem allerbesten Weg zum Deckrüden, da freue ich mich jetzt schon auf die Welpenfotos, dann wird Rumo immerhin Onkel. 😉 Wie gesagt, unter den richtigen Voraussetzungen und wenn man vernünftig drangeht, ist Hundezucht was Tolles.
      Ich bin gespannt, wie es sich mit Leif entwickelt, schön wäre es ja.:-)
      Viele liebe Grüße

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  3. Dein Beitrag ist dir sehr gut gelungen 👍 Ich selbst habe einen mittlerweile gut 2 Jahre alten Labrador Rüden welcher nicht direkt aus einer DRC-Zucht stammt. Er ist aus einem „Unfall“ entstanden, die Besitzer merkten zu spät das ihre Hündin bestiegen wird und da man die beiden dann nicht trennen darf, wenn die Paarung schon zu weit fortgeschritten ist. Die Eltern des sechsköpfigen Wurfes sind jedoch beide Labradore aus einer DRC-Zucht mit Papieren und sind Kerngesund. Auch bei den Welpen sind bisher noch keine Krankheiten aufgetreten. Die „Züchterin“ hat die Welpen (und natürlich die Mutter) gut umsorgt und bis heute haben wir noch alle Kontakt zueinander. Sie hat außerdem die zukünftigen Besitzer mit bedacht ausgesucht.
    Auch vom Wesen her sind alle Hunde ganz toll. Aber es läuft halt nicht in allen Fällen so gut wie bei diesem. Deshalb stimme ich dir voll und ganz zu, dass diese verantwortungslosen Vermehrer wirklich unmöglich sind.

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    1. Hallo!
      Dankeschön! 🙂 Ich freue mich immer, wenn ich Feedback zu solchen Themen bekomme, weil das ja nicht so die leichtesten Themen des Blogs sind, mir aber am Herzen liegen.
      Du hast Recht, es ist einfach dieses Risiko, das man möglichst gering halten sollte. Und da ist es einfach frustrierend zu sehen, wie viele Leute einfach mal so absichtlich Hunde verpaaren, von denen sie nichts wissen oder bei denen sie sogar Krankheiten ignorieren.
      Viele liebe Grüße und viel Spaß mit Deinem Kleinen! 🙂 Labbies sind einfach was Wunderbares. 😉

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    1. Hallo! Danke Dir! 🙂
      Ja, man fragt sich immer so ein bisschen, ob die Leute die Gedanken abschalten, ignorieren oder eben gar nicht erst haben. Ist vielleicht von Fall zu Fall verschieden.
      Preislich ist das in letzter Zeit aber ganz schön angestiegen, da werden auch Hunde ohne Gesundheits- und Herkunftsnachweise für ganz schon viel Geld „vermittelt“, wie Du schon schreibst. Sicherlich auch auch ein Grund, mal eben auf einen Wurf zu bauen…
      Da liegt die Verantwortung natürlich auch mit beim Käufer.
      Viele liebe Grüße

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