Der Komödie einziger Teil

Werd‘ ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! Du bist so schön!

(Faust, Der Tragödie erster Teil)

Was warten wir manchmal auf diesen Moment. Den Moment, in dem wir den Schokofrosch anschauen und denken: So. Fertig. Erzogen. Jetzt kann er es. So soll es sein, so kann es bleiben.

Dann laufen wir mit unserem freudig tänzelnden Labrador über eine Wiese, in nicht allzu weiter Entfernung fünf spielende Hunde und 13 Rehe. Rumo bleibt natürlich bei uns. Hätte er eine Leine um, würde er nicht daran ziehen. Die Sonne scheint, wir sprechen in Knittelversen.

Wie nah sind wir dran?

Schauen wir uns mal den Stand der Dinge an:

Es gibt Momente im Leben, da startet Rumo durch. Er stemmt seine 30 Kilo auf vier Pfoten in den Boden, um sich komme was da wolle ins Geschirr zu werfen, auf dass genau dieser Grashalm dahinten bepinkelt werde.

Neulich traf ich mit Rumo unsere Nachbarin, die freundlich zu mir sagte, dass Rumo ja inzwischen richtig groß geworden sei. Daraufhin zeigte Rumo ihr, dass er schon so groß ist, dass er ihr bis an die Schulter springen kann, während sie auf dem Fahrrad sitzt.

Ein Mann, der mich vorgestern im Park nach dem Weg fragte, bedankte sich und ging, während ich den Weg noch beschrieb. Der Schokofrosch hatte mir unermüdlich seine Nase in die Hüfte gerammt, weswegen der Fragende seinerseits der Erklärung, die durch ständiges Nein. Sitz! unterbrochen war, müde geworden ist.

In der Hundeschule ist Rumo ganz klar derjenige, der ganz hinten sitzt und die anderen Hunde mit Papierkügelchen bewirft.

Ist ein anderer Hund in der Nähe, der Rumo nicht beachtet, möchte Rumo hin.

Ist ein anderer Hund in der Nähe, der Rumo bemerkt hat, möchte Rumo ganz dringend hin.

Ist ein anderer Hund in der Nähe, der zu Rumo möchte, brennen einige Synapsen im Schokohirn durch. Der Wunsch, auf der Stelle zu diesem Hund zu gelangen, wird allumfassend und erhält höchste Priorität vor Fressen und Atmen.

Ach herrje, das dauert noch mit unserem Moment.

Obwohl: Manchmal denke ich, dass der Augenblick doch recht nah ist, wenn ich nur eben nicht mit beiden Augen hinblicke. Drücken wir also mal ein Auge zu. Oder blicken wir mal tief in die Augen des Labradors:

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Hör‘ auf mich… Vertraue mir…

Das mache ich manchmal und verliere dann ein wohltuendes Bisschen meiner Sehkraft. Dadurch wirkt alles ein klein wenig perfekter. Sozusagen irgendwie glücksbringender. Ich verschließe kurz die Augen vor allen Ansprüchen, die die Welt da draußen und ich selbst an meine Hundeerziehung stellen und da habe ich plötzlich für einen entspannten Moment den irgendwie perfekten Hund.

Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:

Verweile doch, Du bist so schön!

(Faust, Der Tragödie zweiter Teil)

Goethes Faust fühlt sich zu diesem Ausspruch erst hingerissen, als er alt und blind ist und von den Missständen um sich herum nichts mehr mitbekommt. Er klammert sich an die allerletzte Gelegenheit, immer noch auf der verblendeten Suche nach dem perfekten Augenblick.

Da ist es doch netter, sich diese Augenblicke in kleineren Dosen und unter gezielter Selbstverblendung ab und an mal selbst zu basteln. Das heißt ja nicht, dass man nicht morgen immer noch den Hund davon abhalten kann, die Nachbarin vom Rad zu holen.

Was also ist des Labbies Kern?

Ganz klar: Mephisto, lasse mir meine temporäre Blindheit! Dann pfeif‘ ich auf den großen Augenblick der 13 springenden Rehe.

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Perfektion liegt im Auge des Betrachters.

6 Kommentare zu „Der Komödie einziger Teil

  1. Also die Idee vom freudig an der Leine tänzelnden und stets gehorsamen Hund finde ich ja auch ganz niedlich, aber irgendwo hakts doch immer und wenn man eine Baustelle fertig hat, bröckelts an einer anderen Ecke oder man will „mehr“. Dann winkt plötzlich Nachbars Katze so verführerisch mit dem Schwanz oder da ist einfach ein unwiderstehliches Buddelloch oder oder oder…
    Bleibt entspannt ihr drei, ihr macht das prima! Vielleicht werden es keine 13 springenden Rehe, aber der über die Wiese tänzelnde Labrador und ein paar Rehe im sind bestimmt machbar (gibts ersatzweise auch in der Dose von Terra Canis) 😉

    Zusatz: Ich blicke ja oft neidvoll auf andere Re(h)triever und frage mich, weshalb ausgerechnet meiner beispielsweise im Tiefbau arbeitet oder Dummys nur dann holt wenn sie ein Fell drumherum und einen Reißverschluss dran haben, obwohl ich extra für Madame eine so schöne Dummysammlung angeschafft habe… bis ich mit den Haltern der perfekten Hunde ins Gespräch komme und sich alles relativiert.

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