Eiszeit

Es ist Sonntagnachmittag in Leipzig. Die Sonne strahlt bei knackigen 4 Grad Minus vom Himmel und ich beginne meinen entspannten Spaziergang mit dem Schokofrosch. Ganz Leipzig ist draußen und guter Laune, Eltern ziehen ihre Kinder auf Schlitten über die Wege, die mit zentimeterdicken Eisschichten bedeckt sind. Ich atme tief ein und blinzele in die Sonne.

RAAA-ZOSCH!

Ich rudere mit wild mit den Armen, mache ein paar unkoordinierte Beinbewegungen und kann gerade noch verhindern, dass ich in zeitloser Eleganzbefreitheit auf dem Hintern lande. Mir schwant, ich hatte unser temporäres Leinenproblem vergessen.

temporäres Leinenproblem, das: Problem, das sich phasenweise und relativ unberechenbar äußert, wenn Rumo offenbar einen Kurzschluss im Gehirn hat, und zu jedem Hund, jedem gutriechendenden Grashalm und zu jedem gelben Fleck Schnee umgehend hinspurten muss, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er angeleint ist.

Ich fange mich und schaue mich um. Vier Kinder und drei Erwachsene schauen zurück. Ein Kind hat Gefallen an dem großen braunen Plüschtier gefunden, winkt, lacht und ruft: „Wauwau“. Rumo ist begeistert und vergisst auf der Stelle den interessanten Grashalm und will nun Richtung Kind. Ich denke derweil an zwei Sachen:

Erstens trete ich auf eine gestreute Stelle des Eisweges und gehe leicht in die Knie – ich bin ja nicht doof! Zweitens denke ich daran, wie oft wir mit Rumo Impulskontrolle geübt haben und wie schön es schonmal geklappt hat und wie doof es ist, dass es gerade jetzt nicht klappt.

Dann schreite ich zur Tat, rufe den Schokofrosch zur Raison, der sich daraufhin für ein paar magische Augenblicke mir zuwendet, neben mir entlang trabt und meine linke Hand mit seiner Nase stempelt. Auf diese Weise schaffen wir es auf eine kleine Anhöhe, bis…

RAAA-ZOSCH!

Ich hatte es wieder nicht kommen sehen – ich bin ja doch doof! Um mich herum eine leicht abfallende Eisfläche, ein Schokoflummi mit Allradantrieb und keine Hoffnung, mit Würde aus der Situation herauszukommen. Rumo hat einen Schäferhund entdeckt, der neben einem Schlitten her hüpft und sich des Lebens freut. Das will er jetzt auch.

Ich mache alles falsch: Statt mich zu sammeln und ruhig und konsequent mit meinem geliebten Hund zu kommunizieren, denke ich an all die umstehenden Leute und daran, dass offenbar kein Hund der Welt so sehr an anderen Hunden interessiert ist, wie meiner.

Ich denke daran, ob es wohl schlimmer ist, sich jetzt noch freiwillig auf den Boden zu setzen oder gleich hinzufallen.

Ich frage mich, ob wir jetzt für immer hier stehen. Ich frage mich, ob mein Freund uns wohl mit Spikes abholen kommt.

Ich frage mich, wie es sein kann, dass ich bei all meiner Mühe in der Hundeerziehung irgendwie doch wohl ganz viel falsch gemacht habe.

Ich werde immer angespannter und wütend auf Rumo, der wegen seiner besseren Geländelage einen Vorteil gegenüber mir hat, die sich demnächst in Bauchlage befinden wird.

Eine Weile stehe ich einfach so da, stemme meine Füße in den Boden und mache gar nichts. Ich beschließe, den Spaziergang an dieser Stelle abzubrechen, weil es einfach nichts bringt, mit angespanntem Frust im Bauch, etwas mit dem Hund machen zu wollen. Mir fällt ein, dass ich mich auch, wenn ich den Spaziergang abbreche, von der Stelle bewegen muss.

Weitere Zeit verstreicht. Eigentlich ist die Situation auch ein bisschen lustig. Mir entweicht ein angespanntes Kichern, dann ein Lachen. Jetzt ist eh alles egal und wenn man einen Hund (oder ein Kind, oder Verwandte) hat, kommt man eben in peinliche Situationen. Tiefes Einatmen und Kontaktaufnahme: „Rumo!“ Und Rumo guckt mich an, die Leine lockert sich und er rückt näher an mich dran. Oh liebes Tierchen!

Wir gehen langsam nach Hause, Rumo ist mal hier und mal da, meistens bei mir. Morgen wird es besser. Die Kuh ist vom Eis.

7 Kommentare zu „Eiszeit

  1. Oh oh… ich kann mir die Situation gut vorstellen!
    Aber man kann zumindest bei der fehlenden Standfestigkeit gaaaaanz schnell Abhilfe schaffen.
    Ich habe mir dafür, nachdem ich ganz ohne Zitas zutun aber in ihrem Beisein herumgerutscht bin, ganz supertolle Schneeketten für die Wanderstiefel gekauft und war damit heute unterwegs: ganz neues Laufgefühl. Absolut trittsicher und man merkt davon nichts. (will ja keine Schleichwerbung machen, aber bei Bedarf sende ich dir den Link gerne). Das tollste daran ist aber eigentlich, dass Zita heute dann auch viel entspannter war.
    Und sonst: sei ned böse auf Rumo… Krönchen richten und weitermachen, du hast ja im zweiten Abschnitt schon geschrieben wie es geht.
    Bei eurem Engagement wird das eh ein Streberchen und ist am Ende der besterzogenste Hund in ganz Leipzig.

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  2. Ach Rala, Du sprichst mir aus dem Herzen und ich sitze gerade kichernd auf dem Sofa. Tara hat gelegentlich auch noch solche Anwandlungen und man könnte schreien vor Wut und Ärger…..Aber so ein bisschen kann man den armen Rumo ja auch verstehen, oder??

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  3. Alle Hunderassen saugen die Leinenführigkeit sozusagen mit der Muttermilch auf…. nur der Labrador nicht! Deshalb kostet ein Labrador-Blindenhund auch so um die 20.000,00 Euro, wovon ca. 10.000,00 Euro für die Leinenführigkeit draufgehen……

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